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Frankfurter Allgemeine Zeitung Stuck • Putz • Trockenbau
Eßlinger Zeitung
Frankfurter Allgemeine Zeitung • Verlagsbeilage "Architektur, Planen, Bauen, Managen" • Seite B6 / Montag, 3. April 1995, Nr. 79

Objekt und Umfeld im Modell

Neue Technik eines Architekten variiert Fassaden / Von Ralf Ginter

Tagtäglich und nach wie vor in erschreckend großem Maße geschehen Bausünden. Nicht nur im öffentlichen, sondern genauso häufig im privaten Bereich, obwohl Wettbewerbe ausgeschrieben werden oder unzählige Besprechungen an Hand von unendlich vielen Entwürfen, Plänen und Modellen vorausgegangen waren.

Wenn der Rohbau fertig ist, werden die Konturen erstmals sichtbar. Das Objekt in seiner natürlichen Form und Dimension entspricht aber auf einmal überhaupt nicht mehr dem, was abgesegnet wurde. Die Proportionen zur bestehenden Umgebung sind überhaupt nicht in Ordnung. Natürlich haben sich alle Beteiligten das Gebäude ganz anders vorgestellt.

Basierend auf vorhandener Hard- und Software, wurde nun eine Methode entwickelt, mit der eine neuartige Dienstleistung im Rahmen der Architektentätigkeit angeboten werden kann.

Nicht mehr nötig sind Ansammlungen kleiner Holzklötzchen mit einem Holzklotz dazwischen als dem projektierten Gebäude ohne markante Konturen. Zwar ist diese Art der Darstellung und Betrachtung und die daraus folgende Beurteilung seit Jahrzehnten gang und gebe. Doch aus heutiger Sicht darf die künstlerische Idee nicht allein Grundlage für die Beurteilung städtebaulicher Maßnahmen sein. Ausgehend von den üblichen Betrachtungsweisen, ist weder die Vogelperspektive realistisch und ausreichend informativ, noch ist es möglich, das Modell in Bezug auf seine künftige Umgebung klar zu erkennen und zu beurteilen.

Die neue Methode: Einige Fotos werden am Ort der künftigen Bebauung in Farbe aufgenommen.

    -Im Computer wird das 3-D-Modell in die ausgewählten Fotos eingearbeitet.

    -Das Projekt kann nun in seiner künftigen Umgebung aus allen möglichen Blickwinkeln betrachtet werden.

    -Das geplante Gebäude wird nun in Bezug auf seine Umgebung beurteilt.

    -Ebenso kann nun weitergearbeitet werden mit Blick von innen nach außen.

Es leuchtet ein, daß ein "Echtbild" des zukünftigen Baues in seiner natürlichen Umgebung überzeugt. Eine weitere Anwendung mit zukunftsweisender Aussicht bietet die Fassadengestaltung, die sich ebenfalls bewährt hat. Hierbei ist wieder das Farbfoto die Grundlage. Dem Auftraggeber kann durch Simulation eindrucksvoll am Computer gezeigt werden, wie seine Fassade nach der Renovierung aussieht. Kein Vergleich, wenn man bedenkt, daß seither eine Farbkarte (10x2 cm) oder ein 1 qm großer Farbfleck auf der sanierungsbedürftigen Fassade die Entscheidungsgrundlage ist. Soll beispielsweise an einem denkmalgeschützten Gebäude die Fassade renoviert werden, so können die vom Denkmalschutz vorgegebenen Farbwerte an der Fassade und den Fenstern simuliert werden. Für ein gewerbliches Gebäude ist die richtige Plazierung einer Werbetafel oder Fahne von Bedeutung.

Mit Blick auf die "Datenautobahn" und das 21. Jahrhundert ist es jetzt schon möglich per Modem oder ISDN die Daten zu den Auftraggebern, Ämtern, Handwerksbetrieben und Ingenieurbüros digital zu senden.

Eßlinger Zeitung, Seite 21, Ausgabe vom 27./28. März 1999

Dreidimensional und farbenfroh entstehen Häuser auf dem Bildschirm

Architekten entdecken die Möglichkeiten der Informatik - Startschwierigkeiten in einer "konservativen Branche" - Noch wenig Konkurrenz

Von Katja Köhler

Esslingen - Gelb oder weiß, blau oder grün, rosé- oder lilafarben - ein Mausklick, und das Haus hat den gewünschten Anstrich. Zumindest auf dem Computerbildschirm. Auf Wunsch gibt's das Haus in jeder Farbe auch auf Fotopapier. Zum Mitnehmen, Angucken, Vorstellen, Diskutieren. "Der Computer stellt das Gebäude so dar, wie es später einmal aussieht", erklärt Ralf Ginter, Architekt aus Esslingen.

Sven Rahlfs und Mirko Ross wagten den Schritt in eine ähnliche Richtung, als sie vor einem Jahr ihre Firma "Immo advert" in Wolfschlugen gründeten. Die Diplom-Landschaftsarchitekten haben sich auf den Bereich Multimedia spezialisiert und stellten Entwürfe - gleichgültig ob Landschaften oder Gebäude - im Internet zur Verfügung. Der Clou daran: Jeder, der einen Internet-Anschluß hat, kann sich Daten herunterladen und das Objekt dreidimensional begutachten. Die Probleme der drei ähneln sich: Viele Menschen stehen computeranimierter Darstellung mißtrauisch gegenüber: "Ein Generationenproblem", meint Ross. Dabei sind er, Rahlfs und Ginter von ihren Ideen überzeugt. Das Argument ist einfach: "Die Leute können sich alles viel besser vorstellen", sagt Ross. Ginter ergänzt: "Wenn man vorher weiß, wie es nachher aussieht, kann man viel mutiger bei der Umsetzung sein.

Bei dem Esslinger Architekten begann alles mit der Liebe zur Fotografie. Zunächst bereitete Ginter die Aufnahmen auf dem Computer nach: mit intensiveren Farben, Retuschen, Collagen. "Man könnte auch sagen: Manipulationen am Bild." So arbeitete sich der heute 38-jährige immer tiefer in die Materie EDV und Architektur ein.

"Alles autodidaktisch", erklärt er stolz, "heute gehorcht mir der Computer wie ein Arbeitstier." 1989 beendete Ginter sein Studium an der FH Stuttgart und stieg in das Büro seines Vaters ein. Weil ihm die konventionelle Arbeit am Modell zu ungenau war - "da sieht man alles nur von oben" - begann er zwei Jahre später mit Computervisualisierung. "Ich kenne nicht viele, die so arbeiten", sagt er. Das bestätigt auch die Architektenkammer in Stuttgart: "Das ist nicht gängig", sagt Pressesprecher Rainer Stuhrmann. Inzwischen hat Ginter nicht nur Häuser in allen möglichen Farben und Formen entworfen, sondern sich auch in die Innenarchitektur eingearbeitet. Mit Hilfe des Bildschirms hat er Büros und Wohnungen eingerichtet und den Kunden die Möglichkeiten vorgeführt. "Danach haben sie sich viel mehr getraut, als sie es sonst getan hätten" ist er überzeugt.

"Die Branche ist konservativ" sagen auch Rahlfs und Ross. Die beiden Landschaftsarchitekten haben erst vor einem Jahr ihr Studium an der Fachhochschule in Nürtingen abgeschlossen, sie sind aber schon seit mehreren Jahren im Multimedia-Bereich tätig. "Durch die Diplomarbeiten haben wir viel Zeit mit dem Thema verbracht und uns einen großen Vorsprung erarbeitet", berichtet Ross. Das jüngste Projekt der beiden, die Darstellung des Theodor-Körner-Hauses in Stuttgart, ist derzeit im Internet zugänglich - im wahrsten Sinne des Wortes: der Nutzer kann das Haus betreten, Türen aufmachen und durchgehen und sich am Bildschirm die Szenerie betrachten.

Die Jungunternehmer - Ross ist 26, Rahlfs 28 Jahre alt - sehen sich in der Vorreiterrolle: "Inzwischen sind allerdings einige Mitstreiter vorhanden. Einer in der Schweiz, einer in Österreich, einer in Berlin", schmunzelt Ross. Die Konkurrenz ist derzeit also noch begrenzt. Fragt sich nur, wie lange noch, denn die Entwicklung ist enorm. In fünf Jahren werden wir über ganz andere Dinge reden", orakelt er.

STUCK • PUTZ • TROCKENBAU 2/96

Der Griff zur Maus

Ein Bild. heißt es im Sprichwort, sagt mehr als tausend Worte. Genauso ließe sich die Dienstleistung des Architekten Ralf Ginter umschreiben. Mittels elektronischer Bildbearbeitung kann er Fassaden gestalten und sogar ganze Gebäude in noch unbebaute Grundstücke montieren.

Irgendwann stellt sich bei einem Neubau oder einer sanierungsbedürftigen Fassade die Frage: Wie soll der Putz aussehen ? Dann werden Farbkarten zu Rate gezogen, Farbmuster aufgetragen. Doch wo man über Gestaltung spricht, gehen die Geschmäcker und folglich auch die Meinungen der Beteiligten auseinander. Meist kann keiner so genau vorhersagen, wie die Fassade später tatsächlich einmal aussehen wird. Bis jetzt jedenfalls, denn ein Esslinger Architekt Ralf Ginter hat eine Methode entwickelt, mit der sich die Gestaltung einer Fassade am Computer simulieren läßt. Damit können sich die beteiligten - im wahrsten Sinne des Wortes - ein Bild von dem Objekt machen.

"Elektronische Bildbearbeitung" heißt das Zauberwort. Zuerst greift der junge Architekt zum Fotoapparat und lichtet das Objekt oder Terrain ab. Die nachher digitalisierten und auf CD-ROM gespeicherten Fotos kann er mit der Maus am Computerbildschirm verändern.

Die Manipulation ist nur schwer zu erkennen

Fassaden beispielsweise kann Ginter fast nach Belieben mit Farben oder graphischen Elementen versehen. Großen Wert legt er dabei auf die Realitätstreue der von ihm erzeugten Simulationen. Tatsächlich ist das Ergebnis oft nur auf den zweiten Blick als manipuliertes Abbild zu entlarven, denn selbst Details wie Büsche und Bäume oder die Schattenwirkung von Dachüberhängen sind simulierbar.

Die Methode funktioniert sogar bei Häusern, die noch gar nicht gebaut sind. Anhand von Plänen kann Ralf Ginter Gebäude in unbebaute Grundstücke hinensimulieren, so daß sich der Bauherr frühzeitig eine präzise Vorstellung davon machen kann, wie sein Gebäude aussehen und sich in die Umbauung einpassen wird. "Wenn es einmal schnell gehen muß, kann alles in ein paar Tagen über die Bühne gehen", sagt der Architekt. Dann müsse man jedoch mit Auszügen aus dem Tintenstrahldrucker vorliebnehmen. Für eine professionelle Präsentation sei eine Bearbeitungszeit von drei bis vier Wochen üblich.

Ginter hatte die Erfahrung gemacht, daß Holzklötzchenmodelle oder Zeichnungen in aller Regel die Vorstellungskraft von Bauherren über Gebühr strapazieren. "Das Räumliche kommt auf Zeichnungen nicht zur Geltung und auch die Einbettung in das Umfeld ist nicht zu erkennen", bemängelt der Architekt die Abstraktheit herkömmlicher Darstellungsformen. Die Computersimulation auf der Basis von Fotos liefert dagegen viel konkretere Abbildungen. Nebenbei kann Ginter jetzt sein Hobby - er ist leidenschaftlicher Fotograf - sinnvoll mit dem Beruf verbinden.

Der Computer ersetzt nicht die Kreativität

Der Computer ersetzt nicht die Kreativität des Architekten. "Die Idee entsteht nicht im Computer sondern im Kopf", bekräftigt Ralf Ginter, daß er den Rechner in erster Linie als Mittel für die optimale Präsentation seiner Entwürfe begreift. Der Architekt hält den Einsatz des Rechners immer dann für sinnvoll, wenn, wie er sagt, ein Gebäude "nicht gerade eine Schuhschachtel" werden, wenn also eine gewisse Gestaltung einfließen solle. Der Computer hilft ihm, seinen Kunden auch einmal Vorschläge schmackhaft zu machen, die von der Norm abweichen. Er weiß: "Überzeugen kann man die Leute erst, wenn sie es tatsächlich auf dem Papier sehen." Jedoch nicht alles, was technisch möglich sei, dürfe man auch ausführen, diszipliniert Ralf Ginter sich dabei selbst.

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Experiment gelungen, Fassade lebt

Als ihm auf einer Innungsversammlung zu Ohren kam, daß man Fassaden durch elektronische Bildbearbeitung am Computer gestalten kann, wurde Stukkateurmeister Gerhard Aichele neugierig. Spontan beschloß er einen Selbstversuch am eigenen Gebäudestand und ist seitdem begeistert.

Die Versammlung der Innung Esslingen Ende 1994 war das Schlüsselerlebnis: Der Esslinger Architekt Ralf Ginter hatte den versammelten Stukkateuren vorgestellt, wie er mit elektronischer Bildbearbeitung am Computer Fassaden farblich gestalten kann. Interessiert seien alle gewesen, blickt Gerhard Aichele zurück. Aber nur er, Inhaber eines Stukkateurgeschäftes in Ostfildern-Nellingen, machte gleich Nägel mit Köpfen und vereinbarte einen Termin mit dem jungen Bauplaner. Aichele dachte an seine Geschäftsgebäude im Nellinger Industriegebiet. Seine 20 Jahre alte Lagerhalle hatte er 1992 überbaut und ihr einen rosafarbenen Putz verpaßt. In ähnlicher Weise wollte er auch das angrenzende Wohn- und Geschäftshaus gestalten, denn deren grüne beziehungsweise gelbe Farbe gefiel Gerhard Aichele absolut nicht mehr. "Jetzt ging es darum, das Ganze in eine Einheit zu bringen", umschreibt Aichele, der 15 Stukkateure und vier Auszubildende beschäftigt, die Ausgangslage. Architekt Ginter sollte ihm zeigen, was er mit Hilfe seines Computers zu leisten imstande war.

"Als Entscheidungshilfe ist das unheimlich gut", ist Gerhard Aichele mit dem Ergebnis hoch zufrieden. Man wage sich über die Computersimulation an Farben heran, für die man sich mit Hilfe von Farbkarten nie entscheiden würde, weiß er jetzt aus eigener Erfahrung. Der Stukkateurmeister möchte die Computersimulation verstärkt als Service in der Kundenberatung einsetzen. "Wenn man mit so etwas arbeitet, ist man flexibel", ist er überzeugt, individuelle Kundenwünsche besser einbinden zu können. Er sieht aber auch de finanziellen Mehraufwand: "Da entstehen Kosten. Das dem Bauherrn klarzumachen, ist schwierig." Deshalb will Gerhard Aichele seinen Kunden die Beratung nicht zusätzlich in Rechnung stellen. Die Umsetzung der am Rechner gestalteten Fassade sei dagegen genau so teuer wie bei einem herkömmlichen Entwurf. "Die Farbe kostet immer dasselbe und die Arbeit ist auch die gleiche", weiß der Stukkateurmeister.

Bis jetzt verzichten vor allem private Bauherren häufig auf die Hilfe des Computers. Das große Problem des Nellinger Stukkateumeisters ist - so paradox das klingen mag - der große Vertrauensvorschuß, den ihm seine Kundschaft entgegenbringt.

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